GMAT – “Geeks make a Training” oder “Gestörte Menschen auf Tatendrang”


Ok. Mal wieder Zeit für ein Off-Topic polemisch diskutiert. Heute etwas ausführlicher.


Wer kennt ihn nicht, den berüchtigten GMAT (Graduate Management Admission Test), in dem zukünftige MBA-Bewerber ihre mathematischen und sprachlichen Fähigkeiten unter enormen Zeitdruck unter Beweis stellen müssen.


Es soll ja Leute geben, die wollen ins internationale Top-Management, nicht weniger. Dafür bewirbt man sich nach dem Studium mit “weit überdurchschnittlichen Noten” an einer Business School, am besten bei einer mit hohem Ranking. Als wichtigstes Aufnahmekriterium gilt dabei dieser GMAT. Nur wer hier hohe Punktzahlen erreicht, wird aufgenommen.


So habe ich per Zufall Teile eines solchen Tests in die Hände bekommen und versucht, ihn zu lösen. Schon nach fünf Minuten musste ich mich stark beruhigen, um nicht verzweifelt in die Tastatur zu beissen. Gut, der mathematische Teil ist nicht so schwer, aber dafür hat es der sprachliche Abschnitt in sich.


Einige Beispiele:


In einer Frage wurde ich gefragt, wie die gelesene Textpassage weitergeht. Moment mal! Bin ich Hellseher? Woher soll ich wissen, was dem Autor als Nächstes in den Sinn gekommen ist?


Da verlangt man, aus fünf beinahe identischen Alternativen die beste, wohlgemerkt englische, Formulierung auszuwählen, obwohl alle fünf Sinn machen. Kann man sowas wirklich bewerten, schließlich hat jeder andere Formulierungsvorlieben? Ich wette, nicht mal “Native Speaker” kommen da problemlos durch.


In dem Test musste ich mich u.a. intensiv mit dem sozialen System der nackten Maulwurfratte und den sechszehn bekannten Arten von Triceraptoren auseinandersetzen. Die Testersteller haben wirklich vor gar nichts Respekt.


Und für den Mist soll man auch noch Geld bezahlen…



Wo wir schon mal dabei sind, kann ich auch im allgemeinen etwas über unsere Wirtschaftswelt ablästern:


1. Können diese Menschen sich nicht mal für eine Sprache entscheiden? Dieses anglizismen-triefende Deutsch macht mich echt aggressiv.


2. Die lieben Vorurteile: Beim Verprügeln bitte laut sagen: “Wie in der Schule, was?” Oder: “Die Welt geht unter!” – “Ich habe keine Zeit; ich muss noch leistungsfähiger werden.” Oder: “Hast du es schon mal mit ner Frau getan?” – “Du meinst umsonst?”


3. Rankings: Alles und jeder muss in ein Ranking gepresst werden. Als ob sich nur daraus der Wert eines Menschen ergibt (Stichwort technokratische Gesellschaft). Bei den nackten Maulwurfsratten läuft das auch so ab: Du hast im Test nur 680 Punkte erreicht; du wirst Müllfahrer (wobei die gut verdienen).


4. Das Lob auf chinesische Wunderstudenten: “Es gibt mehr chinesiche Top-Studenten als deutsche.” Stimmt, denn mit einfacher Mathematik weiß man, dass es auch 14mal mehr Chinesen auf der Welt gibt. Das ist einfache Wahrscheinlichkeitsrechnung.


5. “Deutsche Studenten sind zu leistungsschwach.” Na ja, hier wird man bei Versagen ja auch nicht zum Gespräch mit dem zuständigen Politoffizier gebeten. Ein Nachteil, wenn es einfach zu viele Landsleute gibt.


6. “Wir wollen nur die Besten!” sagt jede größere Firma selbstbewußt. Und diese Besten verbrechen dann z.B. Handys von Siemens (und verpulvern nebenbei eine Milliarde Euro). Sowas von am Markt vorbeientwickelt…


7. Der “Markt”, der “Gewinn”, die “Leistung”, usw.. Der ausführliche Gebrauch dieser Vokabeln nimmt beinahe Dimensionen religiöser Wahnvorstellungen an. Wie sagte schon Mel Brooks in einem seiner Filme: “Dollar, geheiligt werde Dein Name, Dein Wille geschehe…”.


8. “Der Bewerber muss jung sein.” Und wenn er älter wird? Dieser diskrimierende Jugendwahn geht sogar so weit, dass man alten Menschen sagen würde: “Hey Oma, willst du nicht endlich sterben?”


9. “besonders leistungsfähige Bewerber” Da wird ein Personenkult betrieben, wie seit Stalins Zeiten nicht mehr. Klar wollen die Firmen einen optimal belastbaren Angestellten. Aber wir fragen uns alle sowieso täglich: “Ist Management nicht doch bloß ein Ergebnis von vielen Zufälligkeiten?”


10. Acessement Center – Eine deutsche Erfindung zu Zeiten des Ersten Weltkriegs. Da wurden besonders befähigte Offiziere gesucht, nur um sich später wie jeder gemeine Soldat auch vor das feindliche Maschinengewehr zu stellen. Dieses Verheizen als praktikable Methode ist nebenbei auch heute noch in den Köpfen vieler.


Daneben gibt es noch die vielen Widersprüche unserer postmodernen Gesellschaft. Um sie alle zu erfüllen, müsste man folgende Eigenschaften aufweisen:


– 20 Jahre alt sein (möglichst immer)
– einen Uni-Abschluss mit Auszeichnung (Durchschnitt wird nicht toleriert)
– mobil sein (“Bis das die Kündigung euch scheidet…”)
– 5 Kinder haben (Wir sterben doch aus.)
– konsumieren, bis der Arzt kommt (Den man aber selber bezahlen muss.)
– drei Sprachen sprechen (Die Eigene kann die vielen Anforderungen an den internalen Wettbewerb leider nicht mehr erfüllen.)



Die Welt ist so zynisch, und dafür lieben wir sie so.


Jens Heymann

  1. #1 by Martin on May 11, 2005 - 17:42

    Du hast “Ich kann halt auch nicht mehr bei jedem Blödsinn mithalten” sehr umständlich formuliert. 😉

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