Offenes Wasser


Ich habe gestern “Open Water” gesehen; mit Sicherheit ein Film, an dem sich die Geister scheiden. Die einen sind begeistert, die anderen zu Tode gelangweilt (Höre ich hier ein gepflegtes “Booooring”?). Gerade wegen dieser Ambivalenz lohnt sich mal ein genauerer Blick auf den Streifen.



Die Geschichte handelt von zwei zurückgelassenen Tauchern, die allein im Meer herumtreiben. Die 80 Minuten kommen dem Betrachter dabei durchaus länger vor, ebenso, wie wenn man im Nirgendwo schwimmend auf Rettung wartet.


Achtung Spoiler!


Die ersten 70 Minuten schaue ich den Film und denke: Na ja, am Ende wird alles gut. Ich meine, schließlich gibt es Schlimmeres als mal einen Tag und eine Nacht auf dem Meer zu treiben. Irgendjemand wird schon, merken dass da wer fehlt. Umso erstaunter war ich dann, als mich langsam die Ahnung beschlich, dass die beiden Hauptcharaktere wirklich nie wieder aus dem Wasser herauskommen, obwohl sie eigentlich gar nicht soweit vom Land weg sind, sondern elendig zum Sterben verurteilt sind (Mal alle anderslautenden Theorien über den realen Hintergrund der Geschichte ignorierend).


Ende Spoiler!


Zur weitläufigen Meinung über den Film:


Was macht man, wenn man allein im Meer herumtreibt? Richtig, oben bleiben und warten. Insofern folgt der Film einer realistischen Verhaltensweise. Man kann keine Zeitung lesen, nicht im Internet surfen (schöne Metaphorik…) oder Verbrecher jagen. Einzig das Meer und sonst nichts.


Nun ja, nicht ganz. Dafür sorgen hin und wieder Auftritte von diversen Fischen. Viele Zuschauer sind offenbar mit der Vorstellung an eine “Der weiße Hai”-Handlung an diesen Film herangegangen. Für die Spannung und/oder Action sicherlich keine schlechte Überlegung, aber mal ehrlich: Wie sollte das funktionieren? Wenn so ein Vieh einmal zubeißt (sogenannter Gaumenbiss), wäre der Film nach einer halben Stunde beendet, weil kaum jemand die Verletzungen überleben würde. Und dann?


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Ganz schnell wird einem da klar, dass solche abrupten Momente keinen Platz in der Geschichte haben können. Also warten die Haie ab, knabbern ein bißchen und ebenso der Zuschauer. Das lässt für ungeduldige Zeitgenossen nur den Schluss zu, dass die Filmidee an sich nichts taugt, sondern von vornerein zur Langeweile verdammt. Das ist durchaus ein Standpunkt.


Damit kollidiert wiederum die Intention der Filmemacher, auf den wahren Hintergrund der Geschichte zu verweisen. Und außerdem lässt sich mit nur knapp 130000$ Budget auch nicht viel mehr bewerkstelligen, bei einem Kinoeinspielergebnis von knapp 40 Mio. aber ein glasklarer Kassenhit nachweisen.


Bei verwandten Filmen wie “Der weiße Hai” oder “Deep Blue Sea” sorgten entsprechende Storyfreiheiten und Zufälligkeiten für eine weitgehend straffe Dramaturgie. Bei “Open Water” aufgrund des angestrebten Realismusses nicht. Deswegen kann man sich auch fragen, ob das pure, unbearbeitete Leben wirklich interessant genug fürs Kino ist.


Jens Heymann

  1. #1 by Mathias on June 5, 2006 - 20:27

    Samstag in der Videothek habe ich noch überlegt ob ich mir den Film ausleihen soll. Ich hab’s dann nicht getan weil mir einfach nichts eingefallen ist, womit man die komplette Handlung interessant füllen könnte, wenn die beiden doch einfach nur die ganze Zeit im Wasser treiben und auf Rettung warten. Was machen die die ganze Zeit? Das kann doch nur auf einen 80-minütigen Dialog zwischen den beiden Hauptdarstellern hinauslaufen? Nach Deinem Bericht jetzt glaube ich, ich hätte mich wirklich gelangweilt und es ist gut dass ich ihn nicht ausgeliehen habe.

  2. #2 by Chaos on June 6, 2006 - 05:57

    Anzeige? Eine ANZEIGE?? Es geht bergab….

  3. #3 by bietiekay on June 6, 2006 - 06:28

    Man man man…. das is natürlich keine Werbeanzeige sondern lediglich ein Mittel das Jens gewählt hat um seinen Artikel zu schreiben.

  4. #4 by shmeeed on June 6, 2006 - 06:46

    Ich hab “Open Water” schon vor einer ganzen Weile gesehen, bin mir aber sicher, daß ich mich dabei nicht gelangweilt habe.

    Wer auf Action hofft, wird natürlich enttäuscht.
    Der Suspense allerdings ist nicht von schlechten Eltern. Man muß sich aber auf einen solchen Film einlassen, um in die Weite des Meeres entführt zu werden und mit den Protagonisten ganz allmählich zu verzweifeln. Im Kino, oder besser, im Heimkino adäquat genossen, verliert man dann auch als Zuschauer bald den Boden unter den Füßen und treibt orientierungslos mit in den Wellen. Mir ist ein solcher atmosphärischer Low-Budget-Thriller allemal lieber als Action-Horror-Schrott aus der Hollywood-Grabbelkiste wie “Deep Blue Sea”.

    Mit dialektischen Spekulationen über den Ausgang kann jeder für sich selbst natürlich das Erlebnis eines Horrorfilms oder Thrillers im Keim ersticken, keine Frage.

    Die Filmidee? Taugt ganz offensichtlich, sonst hätte den Film ja keiner sehen wollen. Der besondere Charme entspringt wohl dem Minimalismus der Szenerie, dem Realismusanspruch und der langsam reifenden Erkenntnis über den Ausgang der Geschichte.

    Klar ist, daß der Film polarisiert. Gott sei Dank! Langweilige Filme, die aus kommerziellem Interesse versuchen, mit einem Feuerwerk an CGI, Action und/oder Slapstick möglichst jedem zu gefallen, gibt es schon viel zu viele. Ob man das “straffe Dramaturgie” nennen will, ist natürlich eine Frage des Anspruchs, den man an den Begriff “Dramaturgie” stellt.

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